Insektenhotel was ist das?

 Automatisierung in der Landwirtschaft und die Anlage riesiger Monokulturen, hochgezüchete Zierpflanzen im Hobbygarten, die auf Superlativen wie immer grellere Farben und größere Formen getrimmt, aber steril sind, und die Einführung zahlreicher exotischer Pflanzen haben zum Ausverkauf unserer Naturlandschaft geführt. Bienen, Hummeln und Marienkäfer haben sich rar gemacht in unseren Gärten. Bestenfalls der Sommerflieder Buddleya, auch so ein Exot, vermag noch ein paar Schmetterlinge anzulocken.

Im Zuge der Bio- und Ökowelle fand seit den 90-ziger Jahren auch eine Rückbesinnung auf Naturlandschaften statt. Ein Naturgarten wirkt harmonisch, beruhigend und ist auch weniger aufwendig in der Pflege. Integrierter Pflanzenschutz und nachhaltig wirkende Permakultur haben auch in der Landwirtschaft Einzug gehalten. Der Einsatz chemischer Pestizide wurde drastisch reduziert. Und nun sind sie plötzlich wieder gefragt: Die zahlreichen kleinen Helfer im Garten – Nutzinsekten. Man braucht sie wieder als Schädlingsbekämpfer oder als Blütenbestäuber. In manchen Landstrichen sind aber bereits mehr als 30% der Haus- und Honigbiene Apis mellifica der Varroa-Milbe zum Opfer gefallen. Bei manchen Imkern sind sogar 80% ihrer Bienenvölker eingegangen. Viele Imker wollen aufgeben. Doch ohne Bienen wird es auf Dauer kein Obst, kein Gemüse und keine Blumen mehr geben.

Jetzt sind sie wieder gefragt: Wildbienen und Hummeln. Sie bringen zwar keinen Honigertrag, sind aber pflegeleicht und selbstgenügsam. Und so wird es Zeit, sie wieder in unseren Gärten anzusiedeln. Ähnlich wie es ohne künstliche Nisthilfen und Schlafplätze manche Vogel- und Fledermausarten nicht mehr geben würde, sind auch Nutzinsekten auf Unterstützung angewiesen.

Bereits vor fast 200 Jahren hatten englische Entomologen damit begonnen, Kästen als Unterkünfte für Wildbienen zu konstruieren. Damit sollte vor allem das bis dahin verborgene Leben dieser solitär lebenden Insekten beobachtet und erforscht werden. So entdeckte man auch ihren Nutzen für die Obstkulturen.

Ein zu Lehrzwecken individuell 2009 eingerichtetes Insektenhotel im Biopshärenreservat Mittelelbe


Foto:M_H.DE, Creative Commons License Attr.-Share Alike 3.0 Unported


Bereits vor einigen Jahrzehnten begann man damit, mit Stroh gefüllte kleine Jutesäckchen oder Blumentöpfe als Schlafplätze für Ohrwürmer (die natürlich keine Würmer oder Ohrkneifer sind, sondern zu den Insekten gehören) aufzuhängen, um diese nützlichen Blattlausvertilger auf Dauer im Garten anzusiedeln. Es folgten Brutkästen und Überwinterungshilfen für weitere Nutzinsekten. Und irgendwann in den 1990-ziger Jahren kam dann die Idee auf, die verschiedenen Nutzinsekten auf einen Platz zu konzentrieren und die ersten Insektenhotels entstanden – zunächst zu Schau- und Lehrzwecken auf Gartenbauaustellungen und in Schulgärten, um den Nutzen der Bewohner zu demonstrieren.

Unter einem Insektenhotel versteht man – in Anlehnung an die Begriffswelt der Tourismus- und Reisebranche – ein freistehendes, mehrstöckiges Gebäude mit individuellen, auf die Ansprüche der Gäste abgestimmten Apartments unterschiedlicher Größe, Form und Ausstattung.

So hat in den letzten Jahren ein regelrechter Trend zum Insektenhotel eingesetzt. Wenigstens ein Insektenhotel gehört inzwischen zum festen bestand jeder Gartenschau. Betriebe aus Garten- und Landschaftsbau konstruieren aufwendige, individuell angefertigte Insektenhotels. Handwerklich geschickte Hobbygärtner bauen sich ihr eigenes Insektenhotel. Und auch die Industrie hat den Trend erkannt. Im Internet werden genormte Insektenhotels in allen Größen mit und ohne Füllmaterial angeboten. Doch sich bei Ebay ein Minimodell für 13 Euro zu ersteigen und in den nächsten Obstbaum zu hängen, das wird nicht funktionieren. Die gewünschten Insekten bleiben aus und Frust stellt sich ein.

Wie vieles im Hobbygarten, erfordert auch die Etablierung eines Insektenhotels einige Vorüberlegungen und vor allem etwas Geduld, damit sich der Erfolg einstellt. Welche und wie viele Gäste sollen ins Insektenhotel einziehen? Davon hängen Größe, Form und Ausstattung ab. Der Standort und das Ambiente müssen stimmen: Der Platz muss sonnig und wettergeschützt sein, Wildblumen und Futterpflanzen sorgen für Halbpension der Hotelgäste. Viele Insekten orientieren sich optisch, so sollte die Einflugschneise gut sichtbar sein. Schließlich wollen sich Mauerbienen und co. ihr Apartment selbst einrichten und fertigstellen. Dazu müssen genügend Baustoffe bereit stehen und in der Umgebung Lehm und Wasser zum Zuschmieren der Fluglöcher vorhanden sein. Und schließlich muss das Insektenhotel gesichert und die Hotelgäste vor Vögel und anderen Fressfeinden oder den Attacken parasitär lebender Gold- und Schlupfwespen zu schützen.


Ein Insektenhotel in einer Kleingartenanlage, gut geschützt vor Regen durch ein solides Dach, vor den Fressattacken von Vögeln durch Maschendraht und einer naturnahen Umgebung mit zahlreichen Wild- und Futterpflanzen


Foto: Norbert Sdunzik, Kleingartenanlage Nützenberg in Wuppertal-Elberfelde, Creative Commons License Attr.-Share Alike 3.0 Unported



Wo so viele Insekten auf engem Raum zusammenleben sollen, bleibt auch Streit unter den Hotelgästen auf Dauer nicht aus. Schließlich leben Mauer- und Erdbienen, Hummeln und manche Wespenart eigentlich solitär. Und auch Forficula auricularia, der Ohrwurm, mag es individuell und zieht einen Schlafplatz in einem Stroh gefüllten Blumentopf außerhalb des Hotelbetriebes vor. So sind inzwischen – um in der Begriffswelt des Tourismus zu bleiben – ganze Hotelanlagen und -resorts entstanden. Neben dem Hauptgebäude, dem eigentlichen Insektenhotel, gibt es in der Umgebung individuell gestaltete Bungalows, Lodges und Baumhäuschen. Und so selbst die Camper unter den Insekten kommen hier auf ihre Kosten: Ihnen wird lediglich das Bau- und Nistmaterial zur Verfügung gestellt, aus denen sie sich dann ihren Unterschlupf selbst zimmern können.